
Das zunehmende Abfallaufkommen im Textilsektor mit 5,8 Mio Jahrestonnen in der EU bei einer globalen Recyclingquote von nur einem Prozent ist eine komplexe Herausforderung. Aktuell fehlen nicht nur ausgereiften Recyclingtechnologien, sondern auch wirtschaftlich tragfähige Strukturen für die beteiligten Akteure. Das hätten zuletzt auch die Nachrichten über die kurz vorm Zusammenbruch stehende Textilsortierbranche in den Niederlanden oder die Insolvenz des Faser-Recyclers Renewcell gezeigt, betonte Claudia Mensi in einer Rede bei der IFAT. Damit eröffnete die Präsidentin des europäischen Dachverbands der Entsorgungswirtschaft FEAD eine Panel-Diskussion des BDE mit Vertretern aus Produktion, von Recyclingunternehmen und der EU-Kommission über akute Problemstellungen und Bemühungen der europäischen Gesetzgebung um Ökodesignverordnung und Herstellerverantwortung (EPR) im Textilbereich.
Die künftigen Rahmenbedingungen brauchen eine praxisnahe Ausgestaltung, lautete Mensis Appell: „Industrie und die Politik müssen gemeinsam an einer Verbesserung des Status Quo arbeiten“. Wie genau das aussehen kann, darüber gab es unterschiedliche Positionen.
Agnes Bünemann, Geschäftsführerin des Umweltdienstleisters Cyclos, setzt sich in ihrer beratenden Rolle intensiv mit EPR-Programmen auseinander. Durch die Fast Fashion habe die Qualität gesammelter Alttextilien stark nachgelassen und damit auch die Rentabilität des Geschäftsmodells, erklärte sie. „Die jetzige Situation und die selbstfinanzierten Systeme können nicht länger bestehen und den Markt nicht stimulieren.“ Eine erweiterte Herstellerverantwortung sei nötig, um insbesondere den Sortierern die wirtschaftliche Existenz zu sichern.
Die Nachfrage nach Sekundärfasern ankurbeln, um Textilrecycling wirtschaftlich zu machen
Außerdem plädierte Bünemann für gezielte Maßnahmen, um das Faser-zu-Faser-Recycling voranzutreiben. Es sei wichtig, dass die Europäische Kommission Unternehmen und Forschungsprojekte finanziell unterstütze, die entsprechende Technologien entwickeln. Allerdings reiche das nicht aus. Die Deckung laufender Kosten müsse für die Akteure gewährleistet sein. Andernfalls sei das Risiko zu hoch, große Industrien für Textilrecycling aufzubauen. Daher müsse die Nachfrage nach Sekundärfasern angekurbelt werden, und das funktioniere nur durch gesetzliche Vorschriften. Bünemanns „Hauptaugenmerk“ liege dabei auf Recycling-Quoten: Diese sollten zunächst auf nationaler Ebene, statt europaweit, eingeführt und schrittweise erhöht werden. Denn derzeit komme man in den EU-Ländern auf sehr unterschiedliche Sammelmengen, was ungleiche Voraussetzungen für die Verwertung schaffe.
Kim Scholze, Chief Sales und Marketing Officer von Sympatex, einem Textilunternehmen, das in seinen Produkten bereits großenteils zirkuläre Rohstoffe verarbeitet, forderte strenge Ökodesign-Kriterien und Vorgaben für den Einsatz von Rezyklaten. Aktuell seien die Hersteller hauptsächlich auf PET-Flaschen als Quelle für recyceltes Polyester angewiesen. Sie könnten längst mehr Fortschritte in Richtung Kreislauffähigkeit machen, würden aber zusätzliche Anreize benötigen.
Dem stimmte Diskussionsteilnehmerin Emily Bolon zu, die als CEO Looper Textile leitet – ein Joint Venture von H&M und Remondis zur Sammlung und Sortierung von Altkleidern. Bolon sieht das Faser-zu-Faser-Recycling derzeit noch im Anfangsstadium. Die wenigen Unternehmen in dem Sektor sind ihrer Einschätzung nach einige Jahre vom kommerziellen Betrieb entfernt. Hier müsse man Kostenanreize bieten und Verwender von Post-Consumer-Fasern im Rahmen von EPR-Systemen belohnen.
Produkt- und marktbezogene Maßnahmen sind erste Wahl der EU-Kommission
Welche Regelungen seitens der Politik auf EU-Ebene bevorzugt werden, um „gleiche Wettbewerbsbedingungen“ und eine „nachhaltigere Wertschöpfungskette“ bei der Verwertung von Altkleidern zu schaffen, erklärte Wolfgang Trunk von der Europäischen Kommission. Der Teamleiter der Generaldirektion Umwelt verdeutlichte, dass produkt- und marktbezogene Maßnahmen die erste Wahl der Kommission seien, da man diese leichter überwachen könne, als wenn man den EU-Mitgliedstaaten Recycling- oder Sammelziele vorgebe. Insbesondere in EPR-Systemen sieht er ein „Instrument, das im Einklang mit den Marktkräften funktioniert“. Die Wiederverwendung von Textilien in der EU müsse erhöht werden, sagte er weiterhin.
Damit griff Trunk ein zentrales Anliegen von Bolon auf: „Bei der Wiederverwendung könnten uns Regulierungen wirklich helfen, denn bisher wird kaum ein Unterschied zwischen verantwortungsbewussten und unverantwortlichen Sortierern gemacht“, sagte sie. Viele Marktteilnehmer würden Waren sammeln, einige hochwertige Produkte abschöpfen und den Rest außerhalb der EU entsorgen – das heißt, an Ländern liefern, in denen es keine Abfallinfrastruktur gebe. „Wir brauchen Rahmenbedingungen, die gutes Verhalten fördern“, so Bolon. Beispielsweise sollten Hersteller oder Händler, die Altkleider zurücknehmen, im Rahmen von EPR-Regelungen finanziell profitieren. Außerdem argumentierte sie, unterstützt von Scholze, für eine stärkere Einbindung der Wirtschaftsteilnehmer in die Gestaltung gesetzlicher Vorschriften.
Auf Trunks Frage, wie die Diskussionsteilnehmerinnen zur Idee einiger EU-Mitgliedstaaten stehen, auch Secondhand-Kleidung, die auf den EU-Markt kommt, in die erweiterte Herstellerverantwortung einzubeziehen, war die Meinung einhellig: Bünemann, Bolon und Scholze lehnten ab. „Wir müssen die Wiederverwendung fördern und nicht durch zusätzliche Kosten belasten“, sagte Bolon.
Empfehlungen zur Organisation der EPR-Systeme: wettbewerblich oder monopolistisch
Abschließend wollte Christian Suhl, Leiter des Brüsseler BDE-Büros, wissen, wie eine EPR in den Mitgliedstaaten organisiert sein könnte: ob monopolistische oder wettbewerbliche Strukturen vorzuziehen seien und ob diese EU-weit oder von den Ländern eingeführt werden sollten. Bolon und Scholze sprachen sich für ein europaweit harmonisiertes System aus, da auch die Marktteilnehmer länderübergreifend agieren. Gäbe es strenge Regeln, wäre man laut Bolon unabhängig davon, wer deren Einhaltung verwaltet.
Bünemann erklärte: „Ich glaube nicht, dass wir ein einheitliches System für ganz Europa haben werden. Aber ich halte ein europäisches Hersteller-Register mit standardisierter Datenmeldung für vorteilhaft“. Wahrscheinlich würden sich in den Ländern unterschiedliche Organisationsformen für die Herstellerverantwortlichkeit etablieren. In Deutschland habe man zum Beispiel gute Erfahrungen mit dem Wettbewerbs-, in Frankreich mit dem Monopolsystem gemacht.
Trunk wünschte sich bezüglich dieser beiden Alternativen eine dezidierte Bewertung, etwa hinsichtlich Verwaltungsaufwand und Berichterstattung. Ein einheitliches Modell für die EU würde seines Erachtens nach die Kontrolle vereinfachen. Wichtig sei, dass eine EPR die Kostendeckung für das Recycling und die Entsorgung der Alttextilien sicherstellt und dass sich die Gebühren, die Hersteller zahlen müssen, an der Umweltverträglichkeit ihrer Produkte orientieren.



