Studie prognostiziert steigenden Schrottbedarf der deutschen Stahlindustrie bis 2045

Die Transformation der deutschen Stahlindustrie hin zur Klimaneutralität könnte den Bedarf an Stahlschrott in den kommenden Jahrzehnten deutlich erhöhen. Das zeigt eine am Freitag veröffentlichte Studie der Ernst-Abbe-Hochschule Jena. Die drei Branchenverbände BDSV, bvse und VDM begrüßen die Untersuchung als wichtige Grundlage für die Rohstoffstrategie der Stahlindustrie und rufen Politik und Industrie zu entschlossenem Handeln zur Unterstützung der Recyclingwirtschaft auf.

In der Studie quantifizieren die Autoren Frank Pothen, Maik Hartung und Carolin Hundt den Stahlschrottbedarf der deutschen Stahlindustrie für die Jahre 2030 und 2045. In neun Szenarien wird der Schrottbedarf in Abhängigkeit von Produktionsmengen, der Zusammensetzung der künftigen Verfahrensrouten (Hochofenroute, Elektrolichtbogenroute und Direktreduktionsverfahren) sowie deren Schrotteinsatzquoten abgeschätzt. Dabei orientieren sich die Szenarien an aktuellen Studien zur Transformation der Stahlindustrie sowie an historischen Trends und ergänzenden Annahmen.

Schrottbedarf nimmt zu – mögliche Engpässe bei hochwertigem Schrott

Für das Jahr 2030 errechneten die Jenaer Forscher so einen Stahlschrottbedarf in Deutschland zwischen 17,0 und 22,7 Mio Tonnen und für 2045 zwischen 14,9 und 27,6 Mio Tonnen. Fast alle Szenarien implizieren damit einen Bedarfsanstieg gegenüber dem Schrotteinsatz der vergangenen Jahre. Dieser lag im Zeitraum 2015 bis 2023 bei durchschnittlich 17,2 Mio Tonnen. Nur für den Fall, dass die deutsche Rohstahlproduktion im Betrachtungszeitraum spürbar sinkt und die Schrotteinsatzquote der neuen Produktionstechnologien niedrig ausfällt, wird der Schrottbedarf laut Studie unter den Status Quo sinken.

Die Studienautoren kommen weiter zu dem Schluss, dass die Gesamtverfügbarkeit von Stahlschrott in Deutschland, die im Zeitraum 2015 bis 2023 durchschnittlich 21,3 Mio Tonnen betrug, ausreicht, um auch künftig den Schrottbedarf der Stahlhersteller zu decken. Engpässe könnten jedoch bei hochwertigen Schrottqualitäten entstehen. Darunter versteht die Studie sortenreinen, wenig kontaminierten Schrott mit bekannten metallurgischen Eigenschaften, der insbesondere in der Primärstahlproduktion – also in Produktionsrouten auf Basis von Eisenerz und Direktreduktions-Eisenschwamm – eingesetzt wird.

Der für diesen Schrotttyp ermittelte Bedarf liegt laut Studie im Jahr 2030 zwischen 4,3 und 7,7 Mio Tonnen und 2045 zwischen 2,7 und 10,1 Mio Tonnen. Zum Vergleich: Von 2015 bis 2023 wurden in Deutschland im Schnitt 4,8 Mio Tonnen Schrott in der Hochofenroute eingesetzt.

Die Jenaer Forscher empfehlen daher, frühzeitig in Sammlung, Sortierung und Aufbereitung zu investieren, um mögliche Engpässe bei hochwertigen Schrottqualitäten zu vermeiden.

Verbände fordern Investitionsgarantien und langfristige Abnahmevereinbarungen

Die Bundesvereinigung Deutscher Stahlrecycling- und Entsorgungsunternehmen (BDSV), der Verband Deutscher Metallhändler und Recycler (VDM) sowie der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse) sprechen sich in einer gemeinsamen Mitteilung daher für gezielte Investitionsförderungen in die Recyclingwirtschaft aus. „Die deutsche Stahlrecyclingwirtschaft kann den steigenden Schrottbedarf decken, wenn die Unternehmen in der Lage sind, in moderne Aufbereitungsanlagen und Qualitätssicherungstechnologien investieren“, erklärte BDSV-Geschäftsführer Guido Lipinski. „Analog zu den milliardenschweren Förderzusagen für die Stahlindustrie braucht es auch eine Unterstützung der Recyclingwirtschaft, um die notwendigen Infrastrukturen für eine klimafreundliche Stahlproduktion aufzubauen.“

Neben Investitionshilfen sprechen sich die Verbände zudem für langfristige Abnahmevereinbarungen zwischen Stahl- und Recyclingunternehmen aus, um Investitionen wirtschaftlich abzusichern. Nur so lasse sich die Versorgung der Stahlwerke mit klimafreundlichem Stahlschrott langfristig sicherstellen.

„Die Transformation der Stahlindustrie ist ohne eine leistungsfähige Recyclingwirtschaft nicht zu schaffen“, betonte bvse-Hauptgeschäftsführer Eric Rehbock. „Jetzt kommt es darauf an, die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass diese Potenziale auch gehoben werden.“

Die Studie liefere eine differenzierte und belastbare Grundlage für die Diskussion um die künftige Rohstoffversorgung der deutschen Stahlindustrie. Ein genereller Schrottmangel ist aus Sicht der Verbände nicht zu erwarten. Gleichwohl sei es wichtig, mit Blick auf die von Engpässen bedrohten hochwertigen Qualitäten rechtzeitig zu investieren. BDSV, VDM und bvse rufen daher Stahlrecyclingwirtschaft und Stahlindustrie dazu auf, frühzeitig gemeinsam Lösungen für die Aufbereitung, Qualitätsverbesserung und Diversifizierung der Schrottquellen zu entwickeln. Nur so könne die Rohstoffversorgung langfristig gesichert und die Klimaziele erreicht werden.

Die Studie der Ernst-Abbe-Hochschule ist hier abrufbar.

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