Remondis-Tochter TSR und Papenburg wollen Salzgitter AG übernehmen

Der Stahlkonzern Salzgitter AG steht vor der Übernahme durch das Bau- und Entsorgungsunternehmen Papenburg und den Stahlschrottrecycler TSR. Wie der börsennotierte Stahlhersteller gestern bekannt gab, erwägen Papenburg und die Remondis-Tochter TSR, den Salzgitter-Aktionären ein freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot für ihre Unternehmensanteile zu unterbreiten. Das mögliche Angebot würde unter der Bedingung stehen, dass das Konsortium mindestens 45 Prozent plus eine Aktie erhalte. Die mögliche Höhe des Angebotspreises sei Salzgitter noch nicht mitgeteilt worden.

Bereits jetzt ist die GP Günter Papenburg AG der zweitgrößte Aktionär der Salzgitter AG. Mit 25,1 Prozent hält die Unternehmensgruppe aus Hannover eine Sperrminorität an dem niedersächsischen Stahlproduzenten. Gleiches gilt für das Land Niedersachsen, das mit 26,5 Prozent an Salzgitter beteiligt ist.

Im Mai 2022, als Papenburg die Schwelle von 25 Prozent der Stimmrechte an der Salzgitter AG überschritten hatte, verneinte die Unternehmensgruppe noch die Absicht, den Anteil weiter signifikant erhöhen zu wollen. Papenburg unterstrich aber sein langfristiges strategisches Interesse an dem Stahlkonzern. Insbesondere in dem von Salzgitter begonnenen Transformationsprozess lägen großen Chancen, die Papenburg gerne begleiten möchte, hieß es seinerzeit in einer Mitteilung.

Wie andere Stahlhersteller will auch die Salzgitter AG ihren Produktionsprozess dekarbonisieren. Im Rahmen des sogenannten „Salcos“-Programms („Salzgitter Low CO2 Steelmaking“) soll das integrierte Hüttenwerk in Salzgitter bis 2033 komplett auf eine CO2-arme Rohstahlproduktion umgestellt werden. Im Rahmen dieser Transformation werden Direkt-Reduktionsanlagen und Elektroöfen aufgebaut, die dann die Hochöfen und Konverter sukzessive ersetzen.

Ebenfalls wie andere deutsche Stahlkonzerne kämpft die Salzgitter AG derzeit allerdings mit der Konjunkturkrise. Erst Ende Oktober kappte das Management zum bereits dritten Mal in diesem Jahr seine Umsatz- und Ergebnisprognose für 2024. Bewegten sich die Umsatzerwartungen zum Geschäftsjahresbeginn noch zwischen minus drei und plus zwei Prozent, rechnet der Konzern nunmehr mit einem Umsatzrückgang gegenüber dem Vorjahr um sieben bis zwölf Prozent. Beim Ergebnis sagt die Unternehmensführung einen Verlust vor Steuern von bis zu 325 Mio € voraus. Die ersten Prognosen sahen noch einen Anstieg des Vorsteuergewinns von 238 Mio € in 2023 auf 250 bis 300 Mio € in diesem Jahr vor. Als Reaktion darauf kündigte der Konzern einen noch schärferen Sparkurs an. Zusätzlich zum bereits laufenden „Ergebnisverbesserungsprogramm Performance 2026“ seien kurzfristige Maßnahmen zur Ergebnisstabilisierung und Liquiditätssicherung eingeleitet worden.

Papenburg will Transformation der Salzgitter AG zu grünem Stahl absichern

Großaktionär Papenburg sieht damit offenbar auch den Transformationsprozess in Gefahr. In einer am Dienstag veröffentlichten Pressemitteilung begründet Firmenchef Günter Papenburg die nun erwogene Transaktion mit den sich abzeichnenden Entwicklungen der Stahlindustrie. Gemeinsam mit TSR will der Bau- und Entsorgungskonzern daher den Einfluss auf den Stahlhersteller verstärken und durch den Ausbau der Beteiligung „die Transformation der Salzgitter AG hin zum grünen Stahl absichern“, so Papenburg. Noch befänden sich die Gespräche aber in einem frühen Stadium.

Gelingt der Transformationsprozess, wird der Rohstoff Schrott im Stahlherstellungsprozess deutlich an Bedeutung gewinnen. Dies erklärt auch das große Interesse von TSR an einem Einstieg bei der Salzgitter AG. Die Remondis-Tochter ist der größte Schrottrecycler in Deutschland und investierte zuletzt verstärkt in den Ausbau seiner Kapazitäten. Im letzten Jahr hat TSR in Duisburg eine neue Aufbereitungsanlage mit einer Durchsatzvermögen von 450.000 Jahrestonnen in Betrieb genommen. Das hier erzeugte zertifizierte Recyclingprodukt „TSR 40“ verspricht beim Wiedereinsatz in der Stahlproduktion eine deutliche Reduktion des CO2-Ausstoßes.

Mitte 2024 eröffnete Remondis eine weitere TSR40-Anlage in Amsterdam. Zudem entstehen derzeit noch zwei TSR40-Anlagen in Hamburg und Magdeburg. Diese sollen 2025 bzw. 2026 in Betrieb gehen.

TSR-Wachstum auch beim NE-Metallrecycling

Aber auch im Bereich des Recyclings von nicht-eisenhaltigen Metallen hat Remondis zuletzt seine Aktivitäten ausgebaut. Wie Anfang der Woche bekannt wurde, hat TSR die Siegfried Jost GmbH & Co.KG übernommen. Das Unternehmen mit Sitz in Menden im Sauerland betreibt ein Elektroschmelzwerk und ist darüber hinaus im NE-Metallhandel sowie der Aufbereitung von Produktionsrückständen tätig.

Ebenfalls strategisch interessant für TSR und den Remondis-Konzern dürfte daher auch die Salzgitter-Beteiligung an der Aurubis AG sein. Mit 29,99 Prozent ist der Stahlkonzern derzeit der größte Einzelaktionär an dem Hamburger Kupferproduzenten und Metallrecyclingunternehmen. An den Aktienmärkten wurde zuletzt viel über eine bevorstehende Übernahme der Aurubis AG spekuliert. So hat der Drogerieunternehmer Dirk Roßmann im Oktober seine Beteiligung an der Aurubis AG auf 15 Prozent und letzte Woche weiter auf 17 Prozent aufgestockt. Parallel dazu sicherte sich die Investmentbank Goldman Sachs knapp zwölf Prozent der Anteile an dem Hamburger Konzern. Seit Anfang dieser Woche ist Goldman Sachs zudem mit fünf Prozent an der Salzgitter AG beteiligt.

Niedersächsische Landesregierung kündigt sehr gründliche Prüfung an

Ob die von TSR und Papenburg geplante Übernahme von mindestens 45 Prozent plus eine Aktie der Salzgitter-Anteile gelingt, wird nicht nur vom noch offenen Angebotspreis abhängen. Entscheidend wird auch sein, wie sich der bisher größte Salzgitter-Aktionär, die dem Land Niedersachsen gehörende Hannoversche Beteiligungsgesellschaft Niedersachsen mbH (HanBG), positioniert. Wie Papenburg in seiner Mitteilung erklärt, wurde das Land kürzlich über die Eckpunkte der möglichen Übernahme informiert, da es weiterhin als langfristiger Gesellschafter der Salzgitter AG angesehen wird.

Auf Nachfrage von dpa kündigte die Landesregierung eine sehr gründliche Prüfung der von TSR und Papenburg beabsichtigten Übernahme der wirtschaftlichen Kontrolle über die Salzgitter AG und der damit verbundenen rechtlichen und wirtschaftlichen Folgen an. Man wolle dabei insbesondere die Belange der Beschäftigten berücksichtigen. Eine inhaltliche Positionierung werde erst nach Abschluss der Prüfung möglich sein.

Ministerpräsident Stephan Weil: "Sehen keinen Bedarf für Änderung der Anteilsverhältnisse"

In einer ersten Reaktion äußerte sich Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) gleichwohl zurückhaltend. „Wir schätzen die Entwicklung des Unternehmens – auch unter Berücksichtigung der schwierigen Marktverhältnisse in der Stahlindustrie und der ambitionierten Umstellung auf eine CO2-neutrale Stahlproduktion – als erfolgreich und stabil ein.“ Daher sehe die Landesregierung aktuell keinen Bedarf, die Anteilsverhältnisse an der Salzgitter AG zu ändern, sagte Weil im Rahmen der Landtagssitzung am Mittwoch.

Da das Angebot an die Aktionäre aber rechtlich möglich und legitim sei, werde sich die Regierung sachlich mit diesem auseinandersetzen. Weil kündigte für die kommenden Tage Gespräche sowohl mit Papenburg und TSR, aber ebenso selbstverständlich mit dem Salzgitter-Vorstand sowie der Gewerkschaft bzw. dem Betriebsrat an.

Maßgeblich für die Positionierung des Landes sei, ob eine solche Veränderung der Aktionärsstruktur für die weitere Unternehmensentwicklung von Vorteil wäre und ob der eingeschlagene Weg zur CO2-Neutralität damit unterstützt würde. „Wir sind von der Richtungsentscheidung der Salzgitter AG hin zu grünem Stahl nach wie vor fest überzeugt und möchten das Unternehmen auf diesem zukunftsorientierten Weg auch weiter konstruktiv begleiten“, heißt es im Statement der Landesregierung gegenüber dpa.

Ebenso maßgeblich sei aber auch, dass die Interessen der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, die Rechte der Mitbestimmung und damit letztlich der soziale Frieden gewahrt bleiben. Ministerpräsident Weil betonte in der Landtagssitzung, dass die Salzgitter AG mit über 25.000 Beschäftigten eine sehr große Bedeutung für Niedersachsen insgesamt sowie insbesondere die Region Salzgitter habe. „Die Landesregierung ist sich ihrer Verantwortung für das Unternehmen, die Beschäftigten und die Region sehr bewusst.“ (dpa / eigener Bericht)

Aktualisierung: Der Ursprungsartikel wurde mehrmals aktualisiert. Nachträglich ergänzt wurden unter anderem Papenburgs Begründung für die geplante Salzgitter-Übernahme, das Statement der niedersächsischen Landesregierung und der Inhalt der Landtagsrede von Ministerpräsident Stephan Weil. Ebenso berücksichtigt wurden die weitere Aufstockung der Anteile des Drogerieunternehmers Dirk Roßmann an der Aurubis AG sowie der Einstieg von Goldman Sachs bei der Salzgitter AG.

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