
Der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse), Recycling Europe und der Weltrecyclingverband BIR wenden sich gegen die von großen Teilen der Stahlindustrie befürwortete „Sliding-Scale“-Methode zur Einstufung von grünem Stahl. Nach Darstellung der Recyclingverbände setzt der Ansatz Fehlanreize, weil mit steigendem Schrotteinsatz im Produktionsprozess zugleich strengere CO2-Grenzwerte für die Einstufung als „grün“ gelten würden. Dadurch könnten Anlagen mit geringerem Schrottanteil höhere Emissionen aufweisen und dennoch als grüner Stahl klassifiziert werden.
Der bvse kritisiert, dass Hersteller, die stärker auf Sekundärrohstoffe setzen, gegenüber stärker erzbasierten Produktionswegen benachteiligt würden. Aus Sicht des Verbands steht dies im Widerspruch zu den Zielen geschlossener Materialkreisläufe und einer kreislauforientierten Dekarbonisierung im Stahlsektor. Zugleich verweist der bvse auf eine versorgungspolitische Komponente: Stahlschrott sei in der EU in ausreichender Menge verfügbar und übersteige den derzeitigen Verarbeitungsbedarf. Gleichzeitig würden primäre, eisenerzbasierte Rohstoffe nahezu vollständig aus Drittstaaten importiert – was die bestehende Importabhängigkeit der EU strukturell verfestige, anstatt sie abzubauen.
Recycling Europe formuliert eine ähnliche Kritik. In einer Stellungnahme vom Dienstag heißt es, die Sliding-Scale-Methode sei weder wissenschaftlich robust noch ökologisch glaubwürdig. Sie verzerre den Zusammenhang zwischen tatsächlichen Emissionen und Nachhaltigkeitsaussagen und könne, falls sie in Regulierung oder Marktstandards verankert werde, politische Entscheidungsträger, Investoren und Endkunden in die Irre führen. Wie der bvse kritisiert Recycling Europe, dass die „Sliding Scale“ Produktionsrouten begünstige, die auf Eisenerz angewiesen seien, während recycelter Stahl in Europa verfügbar sei und zur Versorgungssicherheit sowie strategischen Autonomie beitragen könne.
Sliding Scale gefährdet Kreislaufwirtschaft und befördert Green Washing
Auch das Bureau of International Recycling (BIR) weist die Darstellung der Stahlproduzenten zurück, die Methode fördere das Stahlrecycling. Der Verband spricht von einer „Doppelmoral“, bei der Anlagen mit geringerem Einsatz von recyceltem Stahlschrott höhere CO2-Emissionen aufweisen dürften als Werke mit hohem Schrottanteil und dennoch als grüner Stahl gelten könnten. Das schwäche den Bezug zwischen realen Emissionen und Nachhaltigkeitsansprüchen, gefährde Grundsätze von Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz und könne Greenwashing begünstigen. Das BIR fordert deshalb, Klassifizierungen für grünen Stahl müssten sich an tatsächlich messbarer und überprüfbarer CO2-Intensität orientieren und die Besonderheiten primärer und sekundärer Stahlherstellung getrennt berücksichtigen.
Auch bvse und Recycling Europe fordern die Entscheidungsträger in Industrie, Normungsgremien und Politik auf, die Definition grünen Stahls konsequent an wissenschaftlich fundierten und ökologisch belastbaren Kriterien auszurichten. Das Label dürfe keine Lenkungsfunktion zugunsten emissionsintensiverer Produktionsverfahren übernehmen, sondern müsse auf Transparenz, Vergleichbarkeit sowie methodischer Neutralität beruhen und Greenwashing wirksam unterbinden. Eine Klassifizierungsmethode, die kohlenstoffintensivere und weniger kreislauforientierte Produktionspfade strukturell begünstige, erfülle diese Anforderungen nicht.
Stahlindustrie: CO2-Fußabdruck allein würde Schrott und Emissionen nur umverteilen
Die Stahlindustrie hält dem entgegen, dass die „Sliding Scale“ ein technologieoffener und produktroutenübergreifender Ansatz sei. In einer gemeinsamen Erklärung mehrerer Stahlhersteller und Organisationen von Anfang Dezember wird die Methode als Grundlage für ein künftiges EU-Stahllabel empfohlen. Sie kombiniere Treibhausgasintensität und Schrottanteil, um Dekarbonisierungsfortschritte sowohl bei primären als auch bei sekundären Produktionsrouten abzubilden. Ein rein auf dem CO2-Fußabdruck basierender Ansatz würde nach Auffassung der Unterzeichner – darunter Arcelor-Mittal, Salzgitter, Thyssen-Krupp, Saarstahl, GMH und Voestalpine – dagegen vor allem Schrott und Emissionen zwischen Produkten, Projekten oder Regionen umverteilen, ohne die globalen Emissionen tatsächlich zu senken.
Noch ausführlicher begründet wird dies in einem Policy Briefing der von den Stahlherstellern getragenen bzw. mitgetragenen Organisationen LESS (Low Emission Steel Standard) und Responsible Steel vom Juni 2025. Dort heißt es, das Angebot an Stahlschrott sei strukturell begrenzt und werde bereits weitgehend genutzt. Obwohl die weltweite Stahlrecyclingquote bei rund 85 Prozent liege, könne das heutige Schrottangebot nur etwa 32 Prozent des weltweiten Bedarfs an neuem Stahl decken. Würden Labels oder Standards diesen Umstand ignorieren, führe dies zu stärkerem Wettbewerb um Schrott, höheren Schrottpreisen, Handelsverzerrungen und zu geringeren Anreizen für die Dekarbonisierung der Primärstahlproduktion, argumentieren die Unterzeichner.
Die „Sliding Scale“ bzw. „Steel Decarbonisation Scale“ solle deshalb Emissionen und Schrottanteil gemeinsam bewerten, um reale Dekarbonisierungsfortschritte sichtbar zu machen und Carbon Leakage zu vermeiden. Die Initiatoren betonen außerdem, der Ansatz solle alle Produktionsrouten einschließen, WTO-konform sein und sowohl die Dekarbonisierung von Erz- als auch von schrottbasierten Verfahren fördern.



