
Das Recycling- und Entsorgungsunternehmen Prezero und der Automobilhersteller BMW haben eine strategische Kooperation zur Altfahrzeugverwertung vereinbart. Ziel sei es, ein tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln, das einen geschlossenen Material- und Verwertungskreislauf für Altfahrzeuge ermöglicht und Altfahrzeuge konsequent als strategische Materialquelle nutzbar macht. Unterzeichnet wurde der Vertrag heute auf dem Campus des neuen KI-Forschungszentrums IPAI (Innovation Park Artificial Intelligence), das der Prezero-Mutterkonzern Schwarz derzeit in Heilbronn errichtet.
Im Zentrum der Zusammenarbeit steht nach Angaben der Partner die ganzheitliche Verwertung von Altfahrzeugen über „Reuse“ und „Recycle“: Bauteile sollen zunächst möglichst lange durch weitere Nutzung im Kreislauf gehalten werden; anschließend sollen durch innovative Verwertungsprozesse mehr hochwertige Recyclingmaterialien und Rohstoffe – wie Stahl, Aluminium, Textilien, Kunststoffe sowie Edelmetalle – zurückgewonnen werden. Damit wollen die Unternehmen den Bedarf an Primärrohstoffen senken und zugleich Rohstoffabhängigkeiten reduzieren sowie Lieferketten resilienter gestalten.
Wie der Deutschland-CEO von Prezero Carsten Dülfer im Gespräch mit EUWID ausführte, handelt es sich bei der Zusammenarbeit mit BMW um eine langfristig angelegte Kooperation. Beide Seiten werden hierfür ab diesem Februar Teams bereitstellen, die in München zusammengezogen werden.
Ziel der Kooperation ist die Entwicklung einer „Reverse Factory“
Als ein Kernvorhaben der Kooperation bezeichnete Dülfer die Entwicklung eines Konzepts für eine „Reverse Factory“ für Altfahrzeuge. Dabei gehe es um eine teil- oder vollautomatisierte Zerlegung, die – analog zur Montagelogik in der Automobilproduktion – den Rückbau in industriellem Maßstab ermöglicht. Eine solche Lösung wäre einzigartig; sie müsse konzipiert und mit weiteren Partnern beziehungsweise Zulieferern technologisch untersetzt werden.
Eine wichtige Triebfeder der gemeinsamen Initiative von BMW und Prezero ist laut Dülfer die aktuelle Überarbeitung der EU-Altautoverordnung. Diese bringe ganz neue Auflagen und ganz neue Herausforderungen für die Automobilbranche mit sich. Dülfer geht davon aus, dass künftig deutlich mehr Altfahrzeuge in Deutschland verwertet werden müssen, weil Exporte erschwert, aber auch wirtschaftlich unattraktiver werden. „Wir rechnen damit, dass die Zahl der im Inland zu behandelnden Altautos um mindestens den Faktor vier bis fünf steigen wird. Und dementsprechend suchen wir eine industrielle Lösung, um Autos in diesem Umfang einer Verwertung zuzuführen“, so Dülfer. Diese Lösung werde dabei keine rein deutsche Lösung sein, sondern soll auch international skalierbar werden.
Wissenstransfer als Fundament der Zusammenarbeit
Im Rahmen der Zusammenarbeit wollen Prezero und BMW einerseits innovative, effiziente Verwertungsprozesse für Altfahrzeuge erproben und zur Serienreife bringen. Andererseits sollen neue Ansätze für das Stoffstrommanagement erarbeitet werden. Ein zentraler Baustein hierfür sei der Wissenstransfer: Die BMW Group bringe neben ihrer Material- und Fertigungskompetenz Expertise aus dem „Design for Recycling“ sowie Erkenntnisse aus dem eigenen Recycling- und Demontagezentrum (RDZ) in Unterschleißheim bei München ein.
Prezero wiederum steuere das Know-how für europäische Stoffströme und Sortiertechnologien bei. Im Gespräch mit EUWID verwies Dülfer auf die von der Unternehmensgruppe in den letzten Jahren getätigten Investitionen in den Bereichen Kunststoff-, Textil-, Aluminium- und Batterierecycling. Mit Blick auf die einzelnen Stoffströme aus der Altautoverwertung habe sich Prezero damit schon positioniert. Jetzt gehe es darum, diese Kompetenzen in die gesuchte Lösung zur Altautoverwertung einzubetten.
Dülfer: „Elektromobilität wird Technologie der Zukunft sein“
Ganz besonders hob Dülfer Prezeros führende Rolle beim Batterierecycling hervor. Mit der Übernahme von Relion Bat Circular im August 2025 wurde Prezero Betreiber der den Angaben zufolge europaweit größten operativ tätigen Batterie-Recyclinganlage. Die Anlage in Meppen verfügt über eine technische Jahreskapazität von 30.000 Tonnen Akkus aus E-Fahrzeugen und Heimwerkergeräten. Laut Dülfer befindet sich die Anlage noch im Hochlauf, sollte dieses Jahr aber bereits einen Durchsatz von bis zu 20.000 Tonnen erreichen.
Dass von anderen in diesem Marktfeld tätigen Unternehmen zuletzt einige Anlagenprojekte gestoppt oder zurückgestellt wurden, erklärt sich Dülfer eher mit technischen Problemen als mit marktbezogenen Faktoren. Für den Prezero Deutschland-CEO ist die Elektromobilität – unabhängig vom diskutierten Verbrennerverbot – „die Technologie der Zukunft“. Er rechnet daher damit, dass das Aufkommen an ausgedienten E-Fahrzeug-Batterien in den kommenden Jahren weiter steigen wird. Für diesen Fall plant das Unternehmen eine Verdopplung der Behandlungskapazitäten in Meppen. Die aktuelle Genehmigung ermögliche es, am gleichen Standort nochmals einen identischen Anlagenstrang zu errichten.
BMW: Meilenstein, um Kreislaufwirtschaft als Geschäftsmodell zu etablieren
Der Münchner Automobilhersteller BMW sieht die Partnerschaft mit der Schwarz-Tochter als zentralen Baustein seiner Unternehmens- und Dekarbonisierungsstrategie. „Die Zusammenarbeit mit Prezero ist ein weiterer Meilenstein auf dem Weg, die Kreislaufwirtschaft als echtes Geschäftsmodell zu etablieren. Für die BMW Group ist sie schon jetzt zentrales Element der Unternehmensstrategie und ein Schlüssel zur Reduktion von CO2 und Ressourcenschonung“, erklärte Ralf Hattler, Senior Vice President Customer Support und After Sales der BMW Group. Ziel des Konzerns sei es, durch eine umfangreiche Verwertung von Altfahrzeugen den Bedarf an Primärmaterial deutlich zu senken und die Resilienz der Lieferketten zu stärken.



