„Noch nie war die Recyclinginfrastruktur stärker bedroht“ – Entsorger schreiben an Minister Schneider und Reiche

BDE und bvse warnen vor existenzbedrohender Lage – Runder Tisch gefordert

Angesichts der wachsenden Zahl von Brandvorfällen durch Lithium-Batterien in der Abfallwirtschaft haben sich die Entsorgerverbände BDE und bvse erneut mit Nachdruck an die Politik gewandt. In einem gemeinsamen Schreiben an Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD), Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sowie die Umweltminister der Länder fordern sie rasches und entschlossenes Handeln, um die Recyclinginfrastruktur in Deutschland zu schützen und die Entsorgungssicherheit zu gewährleisten.

Die Lage sei dramatisch, warnen die Verbände. Täglich komme es bundesweit zu rund 30 Bränden in Entsorgungsanlagen und Müllfahrzeugen – fast immer ausgelöst durch falsch entsorgte Akkus und Batterien bzw. batteriehaltige Geräte. Eine von den Verbänden vorgelegte Übersicht dokumentiert allein für den Zeitraum Januar 2024 bis Juli 2025 mehr als 70 öffentlich bekannt gewordene Brandereignisse. Betroffen sei dabei ein breites Spektrum der Kreislaufwirtschaft: Also Anlagen für die Behandlung verschiedener Stoffströme wie Verpackungsabfälle, Altpapier, gewerblicher Abfälle und Altgeräte aber auch Wertstoffhöfe und Entsorgungsfahrzeuge.

Milliardenschäden und Versicherungsprobleme

„Noch nie gab es in Deutschland eine größere Bedrohung der Recyclinginfrastruktur“, warnen bvse und BDE in ihrem Schreiben. Die finanzielle Belastung sei enorm: Die geschätzten Gesamtschäden lägen mittlerweile im hohen dreistelligen Millionenbereich pro Jahr. Gleichzeitig werde es für viele Betriebe zunehmend schwierig, überhaupt noch Versicherungsschutz zu erhalten. „Die wenigen Versicherer, die das Risiko überhaupt noch abdecken, verschärfen die Bedingungen massiv – mit kaum noch tragbaren Folgen insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen“, so die Verbände.

Bekannte Forderungen mit neuem Nachdruck

Die Branche selbst habe längst reagiert, betonen BDE und bvse weiter. Die Zahl automatischer Brandfrüherkennungs- und Löschsysteme habe sich seit 2018 verdoppelt, Unternehmen investierten kontinuierlich in Sicherheitsmaßnahmen. Dennoch reiche das bei weitem nicht aus, um der wachsenden Zahl an gefährlichen Fehlwürfen Herr zu werden. Denn: Immer mehr Produkte – von Einweg-E-Zigaretten über E-Bike-Akkus bis zu elektronischen Grußkarten – gelangen unkontrolliert in die Abfallströme.

Vor diesem Hintergrund erneuern die beiden Verbände ihre politischen Forderungen mit Nachdruck. Sie sprechen sich für die Einführung eines generellen Batteriepfandes aus, fordern die Schaffung eines herstellerfinanzierten Fonds zur Absicherung der Branche im Schadensfall – nach dem Vorbild des Einwegkunststofffonds – sowie eine Kennzeichnungspflicht für Batterien und akkubetriebene Altgeräte, um Verbraucher besser auf die Gefahren einer falschen Entsorgung hinzuweisen. Außerdem plädieren sie für ein Verbot von Einweg-E-Zigaretten oder zumindest für ein verpflichtendes Pfandsystem. Dass die millionenfach in Verkehr gebrachten Vapes, ohne ein wirksames Pfand, zukünftig an den Fachhandel zurückgegeben werden, wie es der Entwurf für die Novelle des ElektroG vorsieht, sei realitätsfremd.

„Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern zwölf“

BDE-Präsidentin Anja Siegesmund betont, dass die Branche trotz aller Eigeninitiativen an ihre Grenzen stoße: „Das Problem muss an der Wurzel gepackt werden. Der Bund, die Länder und die Wirtschaft müssen entschlossen gemeinsam handeln.“

Auch bvse-Hauptgeschäftsführer Eric Rehbock fordert entschiedenes politisches Handeln. „Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern zwölf!“ Die Entsorgungswirtschaft stehe kurz vor dem Kollaps. Die geplanten Novellen im Batterie- und Elektroaltgeräte-Recht reichten aber bei weitem nicht aus. „Was wir brauchen, ist ein verbindlicher Runder Tisch von Bund, Ländern und der Wirtschaft – als Grundlage für ein wirksames und dringend notwendiges Gesetzgebungsverfahren“, macht Rehbock klar.

ASA warnt vor Rückzug der Versicherer und fordert politische Unterstützung

Auch die Arbeitsgemeinschaft Stoffspezifische Abfallbehandlung (ASA) zeigt sich angesichts der zunehmenden Brandvorfälle in Abfallbehandlungsanlagen alarmiert. Die Organisation warnt eindringlich vor einem Rückzug der Versicherungswirtschaft aus dem Bereich der Abfallwirtschaft. Teile der Branche hätten sich bereits aus dem Versicherungsschutz für Abfallbehandlungsanlagen verabschiedet oder die Bedingungen deutlich verschärft. Damit gerate nicht nur die Arbeit der Anlagenbetreiber, sondern auch der bislang konstruktive Dialog zwischen Entsorgungswirtschaft und Versicherern unter Druck.

Besonders besorgniserregend sei dabei, dass die Ursachen für Brände – etwa falsch entsorgte Lithium-Batterien – von den Anlagenbetreibern kaum beeinflusst werden könnten, betont ASA-Vizevorsitzender Bernhard Naendrup. Ein zusätzlicher Risikofaktor sei zudem die zunehmende Trockenheit in den Sommermonaten: Durch die extrem trockenen Abfälle genüge oft ein kleiner Funke, um einen Großbrand auszulösen, ergänzt der ASA-Vorsitzende Sebastian Koch. „Unsere Mitgliedsbetriebe investieren kontinuierlich in Brandschutzmaßnahmen, aber ohne mehr Aufklärung und gesetzliche Vorgaben zur Batterierückgabe bleibt das Risiko hoch.“

Die ASA fordert deshalb eine stärkere politische Unterstützung und appelliert an Hersteller, Verbraucher und Politik, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Neben einer gesetzlichen Batteriepfandpflicht brauche es eine breite Aufklärungskampagne zur richtigen Entsorgung sowie gesicherte Versicherungsstrukturen für betroffene Betriebe. „Nur durch ein koordiniertes Vorgehen können wir die Zahl der Brände nachhaltig senken“, heißt es seitens der ASA.

Darüber hinaus verweist der Verband auf eigene Initiativen wie die zusammen mit anderen Verbänden überarbeitete Brandschutzrichtlinie VdS 2517, die im Dialog mit Versicherern entstanden sei und inzwischen als gemeinsame Grundlage für Präventionsmaßnahmen diene. Ergänzend dazu stärkt ein verbandseigener Ausfallverbund die Solidarität innerhalb der Branche und hilft, bei temporären Schließungen die Entsorgungssicherheit aufrechtzuerhalten.

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