Nach juristischem Erfolg gegen Shein: DUH drängt auf strenge Regulierung durch Textil-EPR

Praktiken des Ultra-Fast-Fashion-Riesen auf Agenda im EU-Parlament

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat am Freitag einen ersten juristischen Erfolg gegen Shein bekanntgegeben: Es ging darum, dass der asiatische Online-Händler prominent mit Klimaneutralität bis 2050 geworben hatte – allerdings ohne zu erklären, wie das trotz massiv steigender Emissionen erreichbar sein soll. Die aus Sicht der Umweltschutzorganisation „dreiste Verbrauchertäuschung“ habe man nun beendet. „Ultra-Fast-Fashion kann mit den Massen an giftigen Wegwerfklamotten, die über den halben Globus geflogen werden, per se niemals klimafreundlich sein. Diese Geschäftsmodelle dürfen sich nicht länger lohnen“, kommentiert DUH-Bundesgeschäftsführerin Barbara Metz. Sie fordert Umweltminister Carsten Schneider (SPD) zum Handeln auf: Die Umsetzung der erweiterten Herstellerverantwortung (EPR), die unter anderem zur finanziellen Beteiligung am Sammeln und Verwerten von Altkleidern verpflichtet, sei eine Chance.

Nach Auffassung der DUH ließe sich über die Textil-EPR ein „echter Systemwandel“ herbeiführen. Die bisherigen Pläne des Umweltministeriums gehen dem Verband allerdings nicht weit genug. Neben der Beteiligung der Hersteller an den „Entsorgungskosten ihrer Textilmüllberge“ sollten Fast-Fashion-Praktiken über verbindliche Umweltkriterien wirtschaftlich unattraktiv werden, so Metz. 

„Nur über klare Zielvorgaben für weniger Textilabfälle und hohe Wiederverwendungsquoten innerhalb und außerhalb Deutschlands kann die ressourcenintensive Überproduktion gestoppt werden“, heißt es dazu in einer Online-Petition an Umweltminister Schneider. Derzeit werde der Verbrauch durch Plattformen Shein und Temu immer weiter angetrieben: Täglich gelangten etwa 400.000 Pakete aus Asien nach Deutschland. Entscheidend für den Erfolg der Regulierung sei daher, dass Vorschriften auch für internationale Anbieter gelten und deren Einhaltung überprüft wird.

Ziel der DUH ist eine Lenkungswirkung der Gebühren, die nicht erst am Ende der Kette ansetzt: Es brauche endlich langlebige Mode, die geliehen, repariert und wiederverwendet wird. Zur Finanzierung zirkulärer Geschäftsmodelle wie Secondhand, Upcycling, Sharing und Reparatur fordert die DUH die Einrichtung eines Fonds, in den mindestens 25 Prozent aus den EPR-Beiträgen der Hersteller fließen sollen.

Greenwashing-Vorwurf: Klimaversprechen ohne Belege

Bei der aktuellen Auseinandersetzung mit Shein waren Diskrepanzen im Nachhaltigkeitsbericht des Konzerns der Anlass: Die Werbung mit Klimaneutralitätszielen auf den Websites passte laut DUH nicht zu den innerhalb eines Jahres um rund 23 Prozent angestiegenen Emissionen. Das Unternehmen habe keine ausreichenden Informationen dazu bereitgestellt, wie die Lücke geschlossen werden soll. Auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur (dpa) bestätigte Shein, nach einer Abmahnung durch die Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation eine Unterlassungserklärung unterzeichnet zu haben. Shein verpflichtet sich damit, entsprechende Aussagen künftig nur bei Belegbarkeit mit konkreten Maßnahmen zu veröffentlichen. 

Des Weiteren erklärte ein Sprecher des Konzerns gegenüber dpa, man habe in den vergangenen Monaten einen „konstruktiven Dialog“ mit der DUH geführt „und dabei zusätzliche Klarheit über unseren Nachhaltigkeitsfahrplan, unsere Ziele und über die zugrunde liegenden Daten geschaffen“. Die Kommunikation auf den Websites sei überarbeitet worden.

Die Deutsche Umwelthilfe teilte mit, weitere rechtliche Schritte gegen den in Irland registrierten Shein-Betreiber Infinite Styles Services Co. Ltd. eingeleitet zu haben. Dabei gehe es um Aussagen über verschiedene Produkte, die beispielsweise als „lokal“ oder „100 Prozent natürlich“ beworben werden und die der Verband als irreführend einstuft.

EU-Ausschuss nimmt Shein ins Visier: Ruf nach konsequenter Plattform-Regulierung

Dass das Geschäftsmodell von Shein zunehmend unter Druck gerät, zeigte sich fast zeitgleich in Brüssel. Nach wiederholten Einladungen stellte sich das 2008 in China gegründete und in Singapur ansässige Unternehmen am vergangenen Dienstag erstmals den Fragen des Binnenmarktausschusses (IMCO) im EU-Parlament. Bei der Sitzung ging es um Produktsicherheit, Verbraucherschutz und Aufsicht über große Online-Marktplätze, wobei die EU-Kommission strukturelle Probleme einräumte: Verantwortlichkeiten blieben bei vielen Plattformen intransparent; Verkäufer seien nicht greifbar. Nur mit einem europaweit harmonisierten Ansatz könne man grenzüberschreitende Lücken künftig vermeiden, betonte der Ausschuss. Diskutiert wurde auch, dass Frankreich derzeit mit eigenen Maßnahmen vorangeht: Dort läuft im Fall Shein ein gerichtliches Verfahren wegen mutmaßlich illegaler Angebote und Verstöße gegen Verbraucherregeln, um eine temporäre Sperrung des Marktplatzes zu erwirken. 

Shein selbst versuchte bei der Anhörung, sein Geschäftsmodell zu verteidigen – unter anderem gegen den Vorwurf der übermäßigen Verursachung von Müll. Man nutze bei eigenen Modeprodukten ein „On-Demand-Modell“, bei dem zunächst kleine Mengen produziert würden, erklärte Yinan Zhu, Chefjuristin für den Großraum Europa. Dies halte unverkaufte Lagerbestände im „niedrigen einstelligen Prozentbereich“ – im Gegensatz zum Industriestandard mit 25 bis 40 Prozent. Zum wachsenden Marktplatz-Geschäft mit Drittanbietern gibt es keine vergleichbaren Angaben.

Auch darüber hinaus bemüht sich der Konzern um positive Nachrichten rund um sein betriebliches Abfallmanagement. Am Tag der Sitzung in Brüssel gab der international tätige Prüfdienstleister TÜV Rheinland bekannt, dass 15 Lager- und Logistikstandorte von Shein das Zertifikat „Zero Waste to Landfill“ erhalten haben. Nachhaltigkeit gehöre zu den „wichtigsten strategischen Prioritäten“ von Shein, erklärte ein Vertreter, und die Auszeichnung sei eine „professionelle Anerkennung“ der Praktiken. Das zentrale ökologische Problem – die riesigen Mengen Textilmüll, die nach Gebrauch der kurzlebigen Wegwerfware entstehen – wird durch die Standort-Zertifizierung nicht adressiert.

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