
Für den europäischen Batteriemarkt gibt es starke Wachstumsprognosen: Bis 2035 könnte die jährliche Nachfrage auf 1,0 bis 1,3 TWh ansteigen – ein Plus von 200 Prozent gegenüber 2025. Zugleich sinkt jedoch der stoffliche Wert der eingesetzten Zellchemien und somit der Materialwert künftiger Altbatterien, heißt es in einer Studie der Stiftung GRS Batterien und des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens Macrom. Damit „bricht dem Recycling das alte Erlösmodell Stück für Stück weg“, kommentiert Stiftungsvorstand Georgios Chryssos. „Dann reicht es nicht mehr, auf Metallwerte zu hoffen. Wir müssen Finanzierung, Regulierung und Sammelstrukturen jetzt neu aufsetzen – nicht erst dann, wenn die Mengen im Markt sind.“
In der Studie „Zellchemien im Wandel. Entwicklungen in der EU bis 2035 und Auswirkungen auf die Kreislaufwirtschaft“ wird die Elektromobilität, die über alle untersuchten Szenarien hinweg rund 70 Prozent der Nachfrage ausmache, als größter Treiber der Dynamik genannt. Relativ betrachtet zählen stationäre Speicher zu den am schnellsten wachsenden Sektoren, abhängig vom Ausbau erneuerbarer Energien und der Stromnetze. Bisher dominieren in Europa leistungsstarke, aber kostenintensive Nickel-Mangan-Kobalt-Batterien (NMC). Der Massenmarkt verschiebe sich jedoch den Prognosen zufolge rasant hin zu Lithium-(Mangan)-Eisenphosphat-Technologien, kurz L(M)FP, da diese gegenüber NMC-Akkus Kostenvorteile von rund 30 Prozent auf Zellebene bzw. fünf bis 20 Prozent auf Modulebene bieten würden.
NMC-Batterien dürften künftig vor allem im leistungsintensiven Premiumsegment und aufgrund etablierter Lieferketten relevant bleiben und laut Studie bis 2030 ein jährliches Wachstum von 15 Prozent haben – gegenüber 28 Prozent Zunahme pro Jahr bei L(M)FP-Akkus. Ab 2030 könnte sich der Automobilmarkt in einem Basisszenario zwischen den beiden lithiumbasierten L(M)FP- und NMC-Chemien aufteilen – im Verhältnis von 60 zu 40 Prozent. Bei deutlichen technologischen Fortschritten sei sogar eine Steigerung des L(M)FP-Marktanteils auf bis zu 80 Prozent möglich.
Gleichzeitig sieht die Studie perspektivisch ein „signifikantes Wachstumspotenzial“ für die alternative, lithiumfreie Technologie der Natrium-Ionen-Batterien (NIB) im preisgünstigen Pkw- und Speichersegment: Eine stärkere Nachfrage wird allerdings erst ab 2030 erwartet und eine relevante Größenordnung ab 2035. Denn aktuell haben natriumbasierte Batterien noch die niedrigste Energiedichte unter den betrachteten Chemien. Den Analysen zufolge könnten sie aber in den kommenden fünf Jahren zu heutigen LFP-Akkus aufschließen und diese dann in bestimmten Anwendung zunehmend verdrängen – auch dank des gut verfügbaren Basismaterials, geringer Systemkosten und Sicherheitsvorteile im Vergleich zu klassischen Lithium-Ionen-Akkus.
Für die Recyclingwirtschaft sind die Folgen der weitreichenden Verbreitung von L(M)FP-Batterien und künftig auch NIB gravierend: Die Batterienachfrage steigt der Macrom-Prognose zufolge EU-weit insgesamt von 1,13 Mio. Tonnen im Jahr 2025 auf 4,90 Mio. Tonnen im Jahr 2035. Allerdings werde der Markt dadurch für das Recycling nicht automatisch attraktiver. Denn mit der Zunahme des Gesamtvolumens verschiebe sich der mengenmäßige Schwerpunkt zu Batterien, deren Recycling weniger stark über Materialerlöse getragen werden kann. Während 2025 noch 62 Prozent der Batterienachfrage (ca. 700.000 Tonnen) als „werthaltig“ eingestuft waren, kehre sich das Verhältnis bis 2035 voraussichtlich nahezu um: Dann gelten 60 Prozent (rund 2,96 Mio. Tonnen) als „nicht-werthaltig“. Der Anteil „werthaltiger“ Akkus sinke demnach im selben Zeitraum auf nur noch 38 Prozent (ca. 1,88 Mio. Tonnen).
„Damit gerät ein Grundprinzip des bisherigen Systems unter Druck: die teilweise wirtschaftliche Tragfähigkeit des Recyclings über die Rückgewinnung werthaltiger Metalle“, schreibt die Stiftung GRS. Für die Industrie- und Umweltpolitik der EU sehen die Studienautoren durch den verringerten Einsatz kritischer Rohstoffe auch Chancen für eine unabhängigere Batterieproduktion und eine stärkere Sicherung von Lieferketten. Für die nachgelagerte Wertschöpfungskette ergebe sich vor dem Hintergrund jedoch ein großer Bedarf, neue Strategien und Geschäftsmodelle für die Sammlung und Verwertung zu entwickeln, auch wenn die Recyclingmengen durch die lange Nutzungsdauer der Energiespeicher zeitverzögert anfielen. Die Stiftung GRS habe bereits begonnen, an Lösungen zu arbeiten, um den kommenden Herausforderungen frühzeitig zu begegnen.




