
Deutschland wird in den kommenden Jahrzehnten weiterhin in hohem Maße auf die Gewinnung mineralischer Rohstoffe wie Kies, Sand, Naturstein, Ton und Industrieminerale angewiesen sein. Die Potenziale zur Steigerung der Sekundärrohstoffquote sind begrenzt. Zu diesem Ergebnis kommt eine vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung im Auftrag des Bundesverbands Baustoffe – Steine und Erden (BBS) erstellte Studie.
Ein vom Verband ebenfalls beauftragtes Gutachten vom Aachener Rechtswissenschaftler Walter Frenz spricht sich unter anderem für beschleunigte Genehmigungsverfahren sowie für eine stärkere Berücksichtigung von Primärrohstoffen und deren gleichberechtigte Behandlung in der nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie aus.
Laut RWI-Studie hängt die Nachfrage nach Steine-Erden-Rohstoffen in Deutschland maßgeblich von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und der Entwicklung der Rohstoffproduktivität ab. Trotz Verbesserungen der Rohstoffproduktivität etwa durch Produkt- und Prozessinnovationen rechnet das Forschungsinstitut aufgrund der hohen Infrastrukturinvestitionen, des großen Bedarfs an zusätzlichem Wohnraum und der Transformation der Wirtschaft zur Erreichung der Klimaneutralität auch künftig mit einer hohen Rohstoffnachfrage.
Rohstoffbedarf sinkt, bleibt aber hoch
So wird der Studie zufolge je nach Szenario der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – für den Projektionszeitraum bis 2045 wurden eine untere und eine obere Variante mit einem durchschnittlich jährlichen BIP-Wachstum von 0,1 Prozent bzw. 0,9 Prozent angenommen – der Gesamtbedarf an Primär- und Sekundärrohstoffen im Jahr 2045 zwischen 540 und 619 Mio Tonnen liegen. Zum Vergleich: Im Bezugsjahr 2022 betrug die Gesamtmenge aus Primärrohstoffgewinnung und Sekundärrohstoffen 654 Mio Tonnen.
„Der Bedarf an Wohnraum, Infrastruktur, Windrädern, PV-Anlagen und Energieleitungen bleibt hoch – Deutschland ist auf mineralische Rohstoffe angewiesen“, betont BBS-Hauptgeschäftsführer Matthias Frederichs mit Blick auf die Studienergebnisse. Das kürzlich im Bundestag beschlossene Sondervermögen könnte die Nachfrage nach mineralischen Rohstoffen nochmals deutlich ankurbeln, ist er überzeugt.
Zur Deckung dieses Rohstoffbedarfs werde Deutschland dabei weiterhin vor allem auf Primärrohstoffe setzen müssen. Im Jahr 2022 verteilte sich der hiesige Rohstoffverbrauch laut Studie auf 555 Mio Tonnen Steine-Erden-Primärrohstoffe und 100 Mio Tonnen Sekundärrohstoffe. Daraus errechnet sich eine Sekundärrohstoffquote von 15,2 Prozent. Diese Quote wird sich laut RWI-Prognose bis 2045 im unteren Szenario nur geringfügig auf 16,3 Prozent erhöhen, während sie im oberen Szenario bei 15,2 Prozent stagniert. Grund hierfür ist, dass in beiden Szenarien von einem absoluten Rückgang der Sekundärrohstoffmengen bis 2045 ausgegangen wird: Bei der oberen BIP-Variante auf rund 88 Mio Tonnen und bei der unteren BIP-Variante auf 94 Mio Tonnen.
Weniger Sekundärrohstoffe durch Kohleausstieg und Dekarbonisierung der Stahlerzeugung
Der Rückgang der Sekundärrohstoffmengen liege vor allem an der Beendigung der Kohleverstromung und der Dekarbonisierung der Stahlindustrie. Durch den Kohleausstieg entfalle das Aufkommen an REA-Gips und Steinkohleflugaschen, das 2022 noch 5,1 Mio bzw. 2,2 Mio Tonnen betrug, bis 2045 komplett. Die geplante Umstellung des Stahlerzeugungsprozesses – weg von der Hochofenroute hin zur wasserstoffbasierten Direktreduktion – wiederum führe dazu, dass das Aufkommen an Roheisenschlacken von derzeit 7,2 Mio Tonnen je nach Szenario ebenfalls deutlich auf 2,7 bis 2,2 Mio Tonnen sinken werde.
Dieses Minus an Sekundärrohstoffen könne auch durch den erwarteten Mengenanstieg bei den Stahlwerksschlacken, bedingt durch eine höhere Stahlproduktion in Elektrolichtbogenöfen, und ein höheres Aufkommen an Recyclingbaustoffen nicht kompensiert werden. Letztere werden laut Studie bis 2045 von derzeit 75,3 Mio Tonnen auf 75,5 Mio Tonnen (untere Variante) bis 80,6 Mio Tonnen (obere Variante) zunehmen. Dadurch, dass das Bauen im Bestand im Vergleich zu Abriss und Neubau eine immer größere Rolle spiele, seien einer größeren Zunahme des Aufkommens an Recyclingbaustoffen jedoch Grenzen gesetzt, erklärt der BBS.
Zudem verweist das Essener RWI-Institut auf mögliche Veränderungen der Stoffströme durch die Mitte 2023 in Kraft getretene Ersatzbaustoffverordnung. Verschärfte Grenzwerte und ausgeweitete Dokumentationspflichten könnten zu einem Rückgang des Recyclings von Bau- und Abbruchabfällen führen, warnen die Forscher. Diese derzeit noch schwer abschätzbaren Effekte wurden im Projektionsmodell der Studie aber noch nicht berücksichtigt. Gleiches gelte für die Ende 2024 in Kraft getretene neue Gefahrstoffverordnung und etwaige Folgen der „Asbestproblematik“ auf das Aufkommen von Recyclingbaustoffen.
BBS: „Genehmigungsverfahren sind ein echtes Existenzrisiko“
Mit Blick auf die Ergebnisse der RWI-Studie will sich die Baustoffbranche in der neuen Legislaturperiode verstärkt dafür einsetzen, den Zugang zu heimischen Rohstoffen zu erleichtern. „Unternehmen sehen sich zunehmend durch Bürokratie und strenge Auflagen ausgebremst – Genehmigungsverfahren sind heute ein echtes Existenzrisiko“, warnt BBS-Hauptgeschäftsführer Frederichs. So sei die Zahl der Rohstoffbetriebe in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren um mehr als ein Viertel gesunken.
Um konkrete Lösungsansätze aufzuzeigen, hat der Baustoffverband ein juristisches Gutachten bei Professor Walter Frenz von der RWTH Aachen in Auftrag gegeben. Dies unterstreicht laut BBS die zentrale Rolle der Rohstoffgewinnung für wirtschaftliche Entwicklung und Klimaschutz und formuliert einen Zehn-Punkte-Plan zur Stärkung der Branche.
Dazu zählen unter anderem die Einstufung des Rohstoffabbaus als „überragendes öffentliches Interesse“ und die Einführung einer Rohstoffsicherungsklausel zur Vermeidung von Versorgungsengpässen. Daneben sollten klare Fristen für die Bearbeitung von Genehmigungsanträgen sowie Stellungnahmen der Öffentlichkeit definiert werden. „Seit Jahrzehnten wird die Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren angekündigt, ohne das viel passiert ist. Wenn es die neue Bundesregierung mit ihren Ankündigungen zum Bürokratieabbau ernst meint, ist jetzt der Zeitpunkt für rasches Handeln gekommen“, so Frederichs.
Sekundärrohstoffe nur eine Ergänzung zu Primärrohstoffen
Laut Rechtsgutachten sei es außerdem wichtig, Rohstoffgewinnung und Kreislaufwirtschaft zusammen zu betrachten und dabei auch die Ressourcenverfügbarkeit im Blick zu behalten. So bemängelt Frenz in seinem Gutachten, dass Sekundärrohstoffe in der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie nur unter dem Blickwinkel der CO2-Einsparung behandelt würden, aber nicht auf das notwendige Zusammenspiel von Primär- und Sekundärrohstoffen eingegangen werde. Die EU habe in ihrem 2024 verabschiedeten Critical Raw Materials Act (CRMA) klargestellt, dass die Kreislauf- und Sekundärrohstoffwirtschaft zwar eine wichtige Funktion haben, indes nur ergänzend zur Primärrohstoffwirtschaft. So sollen die europäischen Gewinnungs- und Verarbeitungskapazitäten laut CRMA 50 Prozent des jährlichen Verbrauchs in der EU decken und weitere 25 Prozent die Recyclingkapazitäten.
Dieses ergänzende Verständnis der Sekundärrohstoffwirtschaft entspricht laut Frenz ihrer Mengenbegrenzung und müsse sich auch in der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie Bahn brechen. Der Rechtswissenschaftler empfiehlt daher, die NKWS durch Beschluss des Bundeskabinetts anzupassen oder neu zu formulieren, damit Primärrohstoffe gleichberechtigt behandelt werden.
Die Studie des RWI Essen und das Rechtsgutachten von Prof. Walter Frenz können hier heruntergeladen werden.



