„Alttextilsystem am Abgrund“: bvse fordert staatliche Soforthilfe

Die Dauerkrise der Sammel- und Verwertungsstrukturen für Alttextilien verschärft sich immer mehr – das zeigen unter anderem die jüngsten EUWID-Marktberichte, zunehmende Meldungen über vermüllte oder aufgegebene Container sowie Insolvenzen von Dienstleistern. Nach Einschätzung des bvse-Fachverbands Textilrecycling (FTR) wird das System eine Wartezeit von bis zu 30 Monaten bis zur geplanten Umsetzung der erweiterten Herstellerverantwortung als Finanzierungsmodell kaum überleben, falls nicht umgehend gehandelt wird. Vor diesem Hintergrund hat der FTR einen Sieben-Punkte-Plan vorgelegt, der sofortige staatliche Zuzahlungen und weitere Maßnahmen fordert, „um den drohenden Kollaps abzuwenden“.

„Unser etabliertes System ist nicht nur alternativlos – es ist ein europäisches Vorbild“, sagt bvse-Vizepräsident und FTR-Vorsitzender Stefan Voigt. Im Jahr 2025 würden darüber Schätzungen zufolge voraussichtlich ca. 1,5 Mio Tonnen Alttextilien erfasst. „Ein Zusammenbruch wäre weder ökologisch noch ökonomisch verkraftbar und muss mit allen Mitteln verhindert werden.“ Andernfalls käme es zu einem steilen Anstieg der thermisch zu entsorgenden Abfallmengen, was wiederum enorme Kosten verursachen würde. „Ein Ersatz durch Rücknahmesysteme der Hersteller oder vereinzelte Abgabestellen in Wertstoffhöfen kann hier nur sehr wenig ausgleichen und nur einen Bruchteil der benötigten Sammelkapazitäten bereitstellen“, warnt Voigt.

Schon in den vergangenen Monaten hatte der bvse wiederholt auf die prekäre Situation hingewiesen und zentrale Weichenstellungen gefordert. Im Mittelpunkt stand dabei vor allem die rasche Einführung einer erweiterten Herstellerverantwortung (EPR). Dieses System, in das Textilunternehmen für die Inverkehrbringung ihrer Produkte einzahlen sollen, müsse „sicher und gut finanziert sein“, dafür Sorge tragen, dass „Player im Spiel gelassen werden“, und alle relevanten Stakeholder beteiligen, betonte der Verband zuletzt im Mai beim Internationalen Alttextiltag in Stuttgart.

Grundlage für das Inkrafttreten der erweiterten Herstellerverantwortung für Textilien und Schuhe ist die novellierte EU-Abfallrahmenrichtlinie: Aktuellen Befürchtungen zufolge könnte diese nicht wie erhofft vor der Sommerpause des Europäischen Parlaments endgültig verabschiedet werden, sondern sich auf den Herbst verschieben. Hier fordert der FTR eine Priorisierung. Sonst vergrößere sich die Finanzierungslücke zusätzlich zur ohnehin 30-monatigen Einführungsfrist immer weiter. 

Zuzahlungen für Branche als Interimslösung 

„Die Zeitlinie bis zur Umsetzung einer EPR in Deutschland, die reell nicht vor 2027/ 2028 kommen wird, ist ohne sofortige Unterstützung kaum überbrückbar!“, heißt es im aktuellen Positionspapier. Staatliche Zuzahlungen an die Branche seien daher als Interimslösung dringend nötig. „Die öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträger müssen umgehend der ihnen zugewiesenen Verantwortung für eine hochwertige Getrenntsammlung von Textilien gerecht werden und die erbrachten Leistungen der im System tätigen Unternehmen entsprechend vergüten.“ Für einen Großteil der erfassten tragbaren Textilien und Schuhe seien am Markt derzeit kaum noch Erlöse erzielbar, während zugleich die Kosten für Sammlung, Sortierung und Entsorgung steigen und inzwischen deutlich über dem Marktpreis für Originalware liegen.

Angesichts der problematischen Lage hatte der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) bereits im April die Möglichkeit bestimmter Übergangszahlungen in Aussicht gestellt. Zur Ausgestaltung präsentiert der FTR nun konkrete Vorschläge: So sollen die Vergütungen die tatsächlichen Aufwendungen der Unternehmen abbilden und sowohl die Kosten der Erfassung als auch die Entsorgung nicht verwertbarer Anteile berücksichtigen. Um diese Bezahlung an die Marktlage koppeln zu können, schlägt der FTR zudem flexible Anpassungen auf Basis des regelmäßig veröffentlichten mittleren EUWID-Preises vor. Eine solche Indexbindung soll auch während laufender Verträge greifen, sofern die Kosten für die Sammlung übernommen und im Gegenzug die Verwertungserlöse entsprechend ausgeschüttet werden.

Darüber hinaus plädiert der FTR für eine kostenfreie Übernahme der zunehmenden Fehlwürfe und Störstoffe, die in und neben den Containern landen. Hier sei auch eine verbesserte Bürgerinformation durch Kommunen und örE gefragt, um illegale Ablagerungen und Missbrauch der Sammelstellen einzudämmen. 

Gleichstellung aller Sammler und Verwerter 

Insgesamt spricht sich der bvse-Fachverband in seinem Positionspapier für eine Gleichbehandlung aller Akteure des Sammel- und Verwertungssystems aus: Eine Bevorzugung kommunaler oder karitativer Anbieter wird strikt abgelehnt. Dies würde zu weiteren Insolvenzen gewerblicher Dienstleister führen, die den Großteil des fragilen und bereits stark destabilisierten Gesamtsystems darstellen. Erst Mitte Juni hatte wie berichtet Texaid Deutschland ein Sanierungsverfahren eingeleitet. Das Unternehmen verfügt über ein umfangreiches Netz an Alttextilsammelcontainern und betreibt mit seiner Tochtergesellschaft Resales in Thüringen den bundesweit größten Sortierbetrieb.

- Anzeige -
Relevante Märkte
Hier finden Sie passende Marktpreise

Themen des Artikels
Kategorie des Artikels
- Anzeige -