Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) sieht enormen Nachholbedarf im Bereich der deutschen Verkehrsinfrastruktur. „Man muss selbstkritisch sagen, dass wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten zu wenig investiert haben. Wir brauchen nun ein Comeback der Infrastruktur bei allen Verkehrswegen“, sagte der Minister am Donnerstag bei einem Besuch des Circle Hub für Urban Mining in Offenbach. Schnieder zufolge werde der Bund in der laufenden Legislaturperiode daher etwa 170 Mrd. € in die Infrastruktur investieren, wobei der Aspekt der Nachhaltigkeit eine große Rolle spiele. Es gehe darum, den Rohstoffverbrauch zu reduzieren und mehr Sekundärbaustoffe einzusetzen, ohne dabei die Qualität zu vernachlässigen. Allerdings müsse der regulatorische Rahmen hierfür praxistauglicher werden: „Die Ersatzbaustoffverordnung muss überarbeitet und vor allen Dingen entbürokratisiert werden“, so der Verkehrsminister.
Das im Circle zusammengeschlossene Netzwerk an Unternehmen der Bau- und Kreislaufwirtschaft sei ein Nukleus für die nachhaltige und ressourcenschonende Entwicklung der Bauindustrie, lobte Schnieder nach einem Rundgang durch die Circle-Räumlichkeiten im Offenbacher Hafengebiet. Entscheidend seien praktikable Lösungen vor Ort, Qualitätsvertrauen und nachhaltige Abwägungen entlang realer Baustellenbedingungen.
Innovative Technologien seien aber nur das eine, was Deutschland für mehr Kreislaufwirtschaft beim Bau von Infrastrukturvorhaben brauche. Das andere sei ein passender regulatorischer Rahmen. Ein aktuelles Hemmnis sieht der Minister in den durch die EBV geforderten Berichts- und Aufbewahrungspflichten. Hier brauche es einfachere, bürokratieärmere Regelungen, sagte Schnieder in Richtung des SPD-geführten Bundesumweltministeriums und warb für einen „Schulterschluss zwischen Bauherren, Bauwirtschaft, Industrie und Politik“.
Schnieder gegen vorgeschriebene RC-Quoten
Fest vorgeschriebene Quoten für den Einsatz von Rezyklaten im Infrastrukturbau bewertet Schnieder dagegen sehr kritisch und lehnt sie ab. Die Vorhabenträger sollten weiterhin anhand der Bedingungen vor Ort entscheiden können, ob und in welchem Umfang sie mineralische Ersatzbaustoffe einsetzen. Im Sinne der Nachhaltigkeit sei es vor allem wichtig, zusätzliche Transporte zu vermeiden, machte sich der Minister insbesondere für ein verstärktes Recycling am Ort der Baustelle stark. Hier brauche es vernünftige, pragmatische Lösungen.
Das größte Potenzial sieht Schnieder beim Bodenrecycling. Aktuell würden nur etwa 14 Prozent der beim Straßenbau ausgehobenen Böden aufbereitet und verwertet. Um diese Quote zu steigern, komme es auf die Auftraggeber der Bauvorhaben an; bereits in der Planungsphase müssten sie sich Gedanken über die Behandlungs- und Wiederverwendungsmöglichkeiten von Böden machen. Zudem brauche es mehr Behandlungskapazitäten für das Bodenrecycling.
Großes Potenzial zur Förderung der Kreislaufwirtschaft im Bau bietet Schnieder zufolge die Digitalisierung und hierbei insbesondere die Methode des Building Information Modeling (BIM). Digitale Bauwerksmodelle ermöglichten es, Materialien über den gesamten Lebenszyklus transparent zu erfassen – vom Einbau bis zum potenziellen Rückbau nach Jahrzehnten. Dieses „Schlüssel-Werkzeug“ will das Verkehrsministerium konsequent ausrollen.
Zudem will der Bund mit dem vom Kabinett im Dezember beschlossenen Infrastruktur-Zukunftsgesetz Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigen. Man werde ein modernes, digitales, wegweisendes Planungsrecht schaffen, das auch den Einbau von nachhaltigen, recycelten Produkten voranbringe. „Unser großes Ziel ist es, innovativ, ressourcenschonend, schnell und zuverlässig zu bauen“, so Schnieder. „Da geht noch mehr. Es müssen nur alle mitmachen.“
Autobahn GmbH: Circular Infrastructure ist ökonomische Notwendigkeit
Eine besondere Verantwortung bei der Weiterentwicklung der Kreislaufwirtschaft im Infrastrukturbau trägt die Autobahn GmbH des Bundes als größter öffentlicher Bauherr in Deutschland. Der Vorsitzende der Geschäftsführung, Michael Güntner, stellte in Offenbach klar, dass „Circular Infrastructure“ für das Bundesunternehmen kein Idealismus, sondern ökonomische Notwendigkeit sei. Bei Betrachtung des gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks, von der Planung bis zum Rückbau, seien zirkuläre Ansätze immer überlegen.
Güntner positionierte sich zwar ebenfalls gegen Quoten für den Einsatz von Recyclingmaterialien. Wichtig sei es aber, für Chancengleichheit zu sorgen und Ersatzbaustoffe gegenüber Primärrohstoffen nicht zu benachteiligen. Als erfolgreiches Instrument in Ausschreibungen habe sich die Berücksichtigung von CO2 als Zuschlagskriterium erwiesen, so geschehen bei der Sanierung der A6 bei Walldorf/Wiesloch. Durch das hier angewandte Kaltrecyclingverfahren direkt an der Baustelle sei es gelungen, den CO2-Ausstoß um 70 Prozent zu senken.
Ziel der Autobahn GmbH sei es, deutlich mehr dieser Pilotprojekte zu starten und dies auch deutschlandweit auszurollen. „Dann kreiert sich ein Markt und wir bringen – ohne Vorgaben für Recycling- oder Primärrohstoffe – automatisch ein System ins Laufen, das Vorteile hat, wenn es CO2-sparend ist. Und das ist natürlich die Recyclingwirtschaft“, so Güntner.
Dass die Verwertungsquoten in Deutschland dennoch zuletzt stagnierten, liegt laut Güntner insbesondere an regulatorischen Unsicherheiten und den aufwändigen Dokumentationspflichten unter der Ersatzbaustoffverordnung. Dies führe teilweise dazu, dass wertvolle Materialien nicht im Kreislauf geführt würden, sondern stattdessen „den einfacheren Weg“ auf die Deponie gingen.
Mehr Pragmatismus bei Asbestbelastungen
Auch die Autobahn GmbH fahre insbesondere bei Brückensanierungen – gezwungenermaßen – viel Material auf die Deponie. Grund hierfür seien asbesthaltige Abstandshalter, die in den 60er Jahren verbaut wurden. Circa 60 Prozent der Brückenbauwerke seien dadurch mit Asbest belastet, erklärte Güntner.
Allerdings seien diese Asbestbelastungen bezogen auf das gesamte Abfallaufkommen einer Brückensanierung minimal. Für Güntner, ebenso wie für Thorsten Hahn, CEO von Holcim Deutschland, gehen durch die Deponierung dieser Materialien hochwertige Rohstoffe verloren. Beide sprachen sich in Offenbach für „andere Wege“ im Umgang mit der Asbestproblematik und mehr Pragmatismus aus. So schlug Hahn vor, die asbesthaltigen Abbruchmaterialien sortenrein wieder in den Überbau einer neuen Brücke einzubringen. „Aus Beton muss wieder Beton werden“, so Hahn. Damit sei das Material besser gelagert als im Falle einer Deponierung.




