PwC-Studie sieht für Österreichs Kreislaufwirtschaft große Wachstumschancen

Senat für Kreislaufwirtschaft präsentiert Vier-Punkte-Plan

Eine in Zusammenarbeit mit dem österreichischen Senat der Kreislaufwirtschaft durchgeführte neue Studie des Beratungsunternehmens PwC prognostiziert für Österreich großes wirtschaftliches Potenzial durch die Kreislaufwirtschaft, weist gleichzeitig aber auf die noch bestehenden erheblichen Herausforderungen hin. Insbesondere bürokratische Prozesse blockieren aus Sicht der Altstoff Recycling Austria AG (ARA) derzeit das weitere Wachstum der Branche. Der von dem Entsorgungsunternehmen initiierte Senat der Kreislaufwirtschaft will dem entgegenwirken und richtet zudem vier konkrete Forderungen an die nächste österreichische Bundesregierung. Gefordert wird unter anderem eine umfassende Kunststoff-Strategie, eine erweiterte Herstellerverantwortung für Textilien sowie die Schaffung eines „Schengenraums“ für die Abfallwirtschaft.

Die auf quantitativen Daten und qualitativen Interviews mit Branchenvertretern basierende PwC-Studie bescheinigt der österreichischen Kreislaufwirtschaft bereits jetzt eine große wirtschaftliche Bedeutung. Demnach generierten im Jahr 2021 rund 13.100 Branchenunternehmen mit knapp 49.000 Vollzeitbeschäftigten einen Umsatz von 15,6 Mrd €. Die direkt der österreichischen Kreislaufwirtschaft zuzurechnende Bruttowertschöpfung betrug 4,1 Mrd €. Unter Einbezug weiterer indirekter und induzierter Effekte waren es sogar knapp 14,0 Mrd €.

ARA: 35 Mrd € Bruttowertschöpfung durch Kreislaufwirtschaft bis 2030 möglich

Diese Zahlen verdeutlichten, dass die Kreislaufwirtschaft ein bedeutender Motor für Innovation und Beschäftigung sei, so PwC. Die ARA schätzt, dass die direkte Bruttowertschöpfung bis 2030 auf jährlich mehr als fünf Mrd € anwachsen könnte. Somit wären bis 2030 insgesamt 35 Mrd € heimische Bruttowertschöpfung durch die Kreislaufwirtschaft möglich.

Wie die PwC-Studie darlegt, konnte Österreich die Zirkularitätsrate seit 2010 von 6,8 Prozent auf 12,8 Prozent im Jahr 2021 bereits annähernd verdoppeln und liegt derzeit auch über dem EU-Durchschnitt von 11,4 Prozent. Bis 2030 hat sich das Land zum Ziel gesetzt, die Zirkularitätsrate, also den Anteil primärer Rohstoffe, die durch Sekundärmaterialien ersetzt werden, weiter auf 18 Prozent zu steigern. Um dies zu erreichen, bestehe allerdings noch erheblicher Handlungsbedarf, konstatieren das Beratungsunternehmen und ARA gleichermaßen.

PwC zufolge kommen in Österreich derzeit nur etwa 24 Mio Tonnen oder 9,5 Prozent des gesamten verarbeiteten Materials aus dem Recycling. Diese Menge müsse bis 2030 deutlich anwachsen, fordert die ARA. „Damit sorgen wir für Rohstoffsicherheit und verlagern immer mehr Wertschöpfung nach Österreich“, so ARA-Vorstandssprecher und Gründer des Senats der Kreislaufwirtschaft Harald Hauke.

Jedoch werde das Wachstum der Kreislaufwirtschaft durch fehlende politische Maßnahmen bedroht, warnt das österreichische Unternehmen. Daher habe die ARA den Senat der Kreislaufwirtschaft ins Leben gerufen, dem außerdem noch die Verpackungshersteller Alpla und Mayr Melnhof, der Baustoffkonzern Holcim Österreich, das Brauereiunternehmen Brau Union, der Milchverarbeiter NÖM sowie die Lebensmittelhändler Spar und Billa angehören. Ziel des Senats sei es, Österreich im EU-Spitzenfeld der Circular Economy zu etablieren und heimischen Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil zu sichern.

Mit Blick auf die Ende September stattfindende Nationalratswahl in Österreich appelliert der Senat an die künftige Bundesregierung, rasch ein Deregulierungs- und Entbürokratisierungs-Paket umzusetzen. Denn um die österreichische Kreislaufwirtschaft auf Wachstumskurs zu halten, müssten von der neuen Regierung schnell bürokratische und technisch-regulatorische Hürden abgebaut und Impulse in Richtung Recycling gesetzt werden.

Mechanisches und chemisches Recycling als Bestandteile einer umfassenden Kunststoff-Strategie

Des Weiteren hat der Senat einen Vier-Punkte-Plan für eine zukunftsorientierte Kreislaufwirtschaft ausgearbeitet. Demnach fordert der Senat etwa die Entwicklung einer zielgerichteten Kunststoff-Strategie sowie eine proaktive Einführung einer Ökomodulation. Dies sei unerlässlich, damit Österreich die EU-Ziele zur Einführung verbindlicher Quoten für recyclingfähige Verpackungen sowie den Einsatz von Rezyklaten termingerecht erreichen und seine Vorreiterrolle in der europäischen Kreislaufwirtschaft weiter ausbauen könne.

Als Ergänzung zum mechanischen Recycling müsse auch das chemische Recycling Bestandteil dieser umfassenden Kunststoff-Strategie sein. „Dadurch wird sichergestellt, dass Restabfallströme nicht länger durch Verbrennung verloren gehen und auch der mechanisch nicht rezyklierbare Abfall verwertet wird“, betont Alfred Berger, Vorstand der NÖM AG.

Schengenraum für Kreislaufwirtschaft und Herstellerverantwortung für Textilien

Um den grenzüberschreitenden Handel mit recycelbaren Materialien innerhalb der EU zu fördern, spricht sich der Senat zudem für die Schaffung eines „Kreislaufwirtschafts-Schengenraums“ aus. „Das heißt: Abschaffung der aufwändigen und langwierigen Notifizierungsverfahren sowie der Begleitdokumente bei der grenzüberschreitenden Abfallverbringung“, erläutert Robert Nagele. Durch die Beseitigung dieser Handelsbarrieren ließen sich Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit des Recyclings in der EU deutlich steigern, ist sich der Vorstand der Billa AG sicher.

Da die Kreislaufwirtschaft als komplexe Querschnittsmaterie verschiedene Sektoren wie Wirtschaft, Mobilität, Land- und Bauwirtschaft, Gesundheit, Umwelt und Finanzen umfasse, hält es der Senat zudem für unerlässlich, dass eine neue interministerielle Koordinierungsstelle für die Kreislaufwirtschaft eingerichtet wird. Diese solle in enger Abstimmung mit den europäischen Institutionen arbeiten. „Dies gewährleistet eine sektor-, wertschöpfungs- und lieferkettenübergreifende Umsetzung der Kreislaufwirtschaft, die nicht an nationalen Grenzen haltmacht“, so Nagele.

Letzter Punkt einer zukunftsorientierten Kreislaufwirtschaft müsse sein, dass analog zur Verpackungsentpflichtung auch im Bereich der Textilien eine erweiterte Herstellerverantwortung eingeführt wird. „Wir wollen das Textilrecycling wirtschaftlich kompetitiv gestalten und so die Recyclingquote in diesem Sektor signifikant erhöhen“, unterstreicht ARA-Vorstand Hauke.

Auch PwC-Vorstandsmitglied Agatha Kalandra ist vom Wachstumspotenzial der österreichischen Kreislaufwirtschaft überzeugt: „Wenn sich zukünftig die rechtlichen Rahmenbedingungen zu Gunsten der Kreislaufwirtschaft verbessern, kann Österreichs Circular Economy das Wirtschaftswachstum ankurbeln, die Abhängigkeit aus Primärrohstoffen reduzieren und die CO2- und Ressourcenbilanz deutlich verbessern.“

Große Potenziale für die Entwicklung und das weitere Wachstum der Kreislaufwirtschaft bergen laut PwC insbesondere neue Technologien wie der digitale Produktpass, der eine transparente Nachverfolgbarkeit von Materialien ermögliche. Auch der Einsatz von künstlicher Intelligenz und Robotik in Recyclingprozessen bietet aus Sicht des Beratungsunternehmens enorme Chancen. Diese Innovationen könnten maßgeblich dazu beitragen, die Zirkularitätsrate zu steigern und gleichzeitig die Ressourceneffizienz zu verbessern.

Dabei seien branchenübergreifende Kooperationen, bei denen Wissen und Ressourcen geteilt werden, von entscheidender Bedeutung, um die Effizienz zu steigern und innovative Lösungen zu entwickeln, betont Kalandra. „Viele denken bei Kreislaufwirtschaft zuerst an Recycling, aber das ist nur ein Teil des Ganzen. Vor allem für Unternehmen gibt es weitere entscheidende Hebel, wie ‚Recycling by Design‘ oder das ‚Recht auf Reparatur‘, um Produkte nachhaltiger und effizienter zu gestalten.

Die PwC-Studie kann hier abgerufen werden.

- Anzeige -

- Anzeige -