
Bis 2050 könnten in Europa jährlich bis zu 19 Mio Tonnen Elektroaltgeräte anfallen – rund ein Drittel mehr als heute. In diesem wachsenden Abfallstrom werden dann Schätzungen zufolge zwischen 1,2 und 1,9 Mio Tonnen kritischer Rohstoffe enthalten sein. Das geht aus einem neuen Bericht hervor, den das von der EU finanzierte Forschungsprojekt „FutuRaM“ gemeinsam mit dem WEEE Forum anlässlich des heute stattfindenden internationalen E-Schrott-Tags veröffentlicht hat.
Besonders stark dürfte der Anteil von Photovoltaikmodulen an den E-Schrottmengen steigen – von 150.000 Tonnen im Jahr 2022 auf bis zu 2,2 Mio Tonnen im Jahr 2050. Auch die Mengen anfallender Großgeräte, etwa Waschmaschinen oder Server, nehmen laut der Prognose deutlich zu. Dagegen wird bei Monitoren, Lampen und Kleingeräten ein weitgehend stabiler oder sogar rückläufiger Trend erwartet.
Schon heute enthalten ausgediente Elektrogeräte in der EU, Großbritannien, der Schweiz, Norwegen und Island rund eine Mio Tonnen an für Zukunftstechnologien wichtigen Metallen und Mineralien – von Kupfer und Aluminium über Silizium bis hin zu seltenen Erden und Platingruppenmetallen. Doch noch immer wird fast die Hälfte des in Europa anfallenden E-Schrotts außerhalb der geregelten Sammel- und Verwertungssysteme entsorgt. Dadurch gingen große Mengen werthaltiger Materialien verloren, etwa wenn Geräte zusammen mit Metallschrott unzureichend recycelt, exportiert oder deponiert werden, heißt es in der Studie.
„Europa hängt bei über 90 Prozent seiner kritischen Rohstoffe von Importen ab, recycelt davon aber teilweise weniger als ein Prozent“, beklagt EU-Umweltkommissarin Jessika Roswall laut einer Mitteilung des WEEE Forum. Die wachsenden Störungen der weltweiten Handelsströme legten die Verwundbarkeit Europas bei der Rohstoffversorgung offen, betont sie. Recycling sei daher sowohl eine ökologische Notwendigkeit als auch eine geopolitische Strategie. Es brauche „einen echten Wandel im Denken“ im Umgang mit E-Schrott, fordert Roswall.
Der Untersuchung zufolge könnten – abhängig von politischen Entscheidungen und Investitionen – bis 2050 jährlich zwischen 900.000 und 1,5 Mio Tonnen kritischer Rohstoffe aus Elektroschrott zurückgewonnen werden. Im sogenannten „Circularity“-Szenario bleibt die Menge des anfallenden E-Schrotts insgesamt auf heutigem Niveau, der Anteil der zurückgewonnenen Rohstoffe steigt aber deutlich. Voraussetzung dafür wären langlebigere und reparierbare Produkte, bessere Sammelstrukturen sowie moderne Recyclingverfahren. So ließe sich der Ressourcenverbrauch senken, ohne den Materialrückfluss zu verringern, betonen die Autoren der Studie.
Der Bericht nennt mehrere Ansatzpunkte, um die Rückgewinnung zu steigern: mehr und bequemere Sammelmöglichkeiten, eine bessere Gestaltung der Produkte für die Demontage, gezielte Erfassung von Komponenten, die besonders wichtige Rohstoffe enthalten, sowie Investitionen in europäische Recyclingkapazitäten. Zugleich sollen politische Rahmenbedingungen die ökonomischen Anreize verbessern – etwa über Ökodesign-Vorgaben, Reparierbarkeits- und Haltbarkeitsanforderungen oder wirtschaftliche Instrumente.
Auch für Pascal Leroy, Generaldirektor des WEEE Forum, ist die Wiedergewinnung von Metallen aus Elektronikabfällen ein geopolitisches und wirtschaftliches Gebot: „Ohne kritische Rohstoffe können wir keine Batterien, Turbinen, Chips oder Kabel herstellen, die Europas grüne und digitale Zukunft tragen.“ Durch die Verwertung des Elektroschrotts könne Europa eigene zirkuläre Lieferketten aufbauen und die Anfälligkeit für globale Schocks verringern.
Die Autorinnen und Autoren des Berichts empfehlen, die Ergebnisse in laufende politische Prozesse einzubinden. Sie verweisen auf die EU-Verordnung über kritische Rohstoffe, die bis 2030 ein Viertel des Bedarfs aus Recycling decken soll, sowie auf die geplante Überarbeitung der WEEE-Richtlinie und den kommenden Circular Economy Act. „Das Urban Mining ist längst keine Vision mehr, sondern eine wirtschaftliche Chance“, betonte Giulia Iattoni vom FutuRaM-Konsortium. Entscheidend sei nun, die Sammel- und Aufbereitungssysteme so zu skalieren, dass das im E-Schrott liegende Potenzial auch tatsächlich genutzt werden könne.



