
Das Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie (ICT) arbeitet in mehreren Projekten an der Bergung und fachgerechten Entsorgung von Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums liegen allein in deutschen Hoheitsgewässern rund 1,6 Mio. Tonnen Munition aus den Weltkriegen, die langsam verrosten oder verrotten und dadurch eine Gefahr für Umwelt, Gesundheit und Sicherheit darstellen.
Besonderes Augenmerk legt das Fraunhofer ICT auf die Verfahrenssicherheit des gesamten Entsorgungsprozesses – „ein weites Feld, das etwa beim Freilegen und Bergen einer Granate beginnt und bis zum Schornstein des Detonationsofens reicht“, wie Fraunhofer-Experte Armin Keßler erläutert. Ein „Nadelöhr im aktuellen Entsorgungsprozess“ seien die verfügbaren Detonationsöfen und deren Standorte, beispielsweise in Munster in der Lüneburger Heide. Selbst wenn dort eine Verdoppelung der Kapazitäten von etwa zehn auf 20 Kilogramm Sprengstoff pro Stunde vorgesehen sei, bleibe das Problem bestehen.
„Wir können aus sehr grundsätzlichen Sicherheitsüberlegungen keine Lastwagen mit geborgener Munition durch den Elbtunnel fahren lassen“, erklärt Keßler. Deshalb sei eine Bergung und Entsorgung vor Ort in teilautomatisierten, eigensicheren Prozessen mit um den Faktor 20 bis 50 höherer Kapazität das Forschungsziel. „An der thermischen Entsorgung führt zurzeit kein Weg vorbei“, so Keßler. Der überkritischen Nassoxidation als Entsorgungsalternative räume er Chancen ein, doch marktreife und standfeste Anlagen seien auf absehbare Zeit noch nicht verfügbar.
Positives Zwischenfazit zum Sofortprogramm in Nord- und Ostsee
Im Rahmen des vom Bundesumweltministerium aufgelegten Sofortprogramms „Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee“ fungiert das Fraunhofer ICT als Gutachter. Es beurteilt die Arbeitssicherheit, begleitet die Bergekonzepte sicherheitstechnisch und kümmert sich um die formale rechtliche Abwicklung. „Bis man mit der geborgenen Munition vom Hafengelände runter ist, durchquert man vier Rechtsräume. Das erleichtert das Vorhaben nicht unbedingt“, sagt Keßler.
Die erste Phase des Projekts, die Sofortberäumung durch vier Firmen, wurde Anfang September abgeschlossen. Dabei wurden 60 Tonnen Munition geborgen und vorsortiert, klassifiziert und in Nasslagerbehälter abgestellt. Diese könnten nun automatisiert aufgenommen werden. Mittelkalibermunition könne sogar offshore entsorgt werden. Keßler zieht ein positives Zwischenfazit: „Die Möglichkeiten und Grenzen sind getestet, man redet und philosophiert nicht mehr, sondern man handelt. Die Schwierigkeiten sind benennbar, das heißt, wir wissen jetzt, was uns erwartet, wie wir damit umgehen müssen, und was es kostet. Der flache Bereich der Lernkurve ist durchlaufen, Unwägbarkeiten drastisch reduziert.“
Europäisches Projekt soll für gemeinsames Problemverständnis sorgen
Im europäischen Verbundprojekt „MMinE-SwEEPER“ identifiziert und beurteilt das Fraunhofer ICT situationsadäquate Entsorgungsmethoden und organisiert das Umweltmonitoring mit hochempfindlicher, langzeittauglicher Sensorik, um Aufwirbelung und Schadstoffaustritte zu dokumentieren oder zu verhindern. Mit Blick auf den europäischen Kontext sieht Keßler auch einige nichttechnische Hürden: „Wir brauchen einen gemeinsamen Wortschatz und ein Verständnis dessen, was zu welchem Zweck untersucht werden soll, also eine Eingrenzung des Forschungsgegenstands.“
Der Blickwinkel unterscheide sich zudem je nach Akteursgruppe – vom Militär über Kampfmittelräumdienste und Wissenschaftler bis hin zu Zivilisten. Das Fraunhofer ICT unterstütze und koordiniere die Abwägung zwischen operativen Risiken, Ressourceneinsatz und Naturschutz.
Mobile Entsorgungsanlage in weiterem Projekt geplant
Im Projekt „BorDEx“ soll ein mobiler Demonstrator entstehen, mit dem konventionelle, großkalibrige und schwer zu transportierende Munition aus maritimen Bereichen vor Ort entsorgt werden kann. Der Fokus liegt dabei auf der Demonstrationsanlage der GEKA mbH zur Entsorgung von Wasser/Sprengstoff-Gemischen. Großmunition müsse zunächst mit Sägen zerteilt werden, um sie im Detonationsofen behandeln zu können – ein Prozess, der gekühlt werden müsse und belastete Prozesswässer erzeugt.
Zu seiner nächsten Jahrestagung plant das Fraunhofer ICT eine Parallelveranstaltung mit dem Schwerpunkt „Entsorgung von Munition im Meer“. Dabei sollen auch auf europäischer Ebene Kriterien diskutiert werden, „warum eine Methode für eine bestimmte Räum-Aufgabe die am besten geeignete ist“.



